erkundetest an einer schule in düsseldorf:

wenn das alte jahr zu ende geht, sind immer alle unglaublich besinnlich und reflektiert. man blickt auf das alte jahr zurück und legt alle hoffnungen ins neue. mutige machen sich vorsätze. ja doch, nächstes jahr werden wir schlank, reich und glücklich. wir werden uns hunde, kinder und spannende hobbys zulegen.
und dann ist es da, das neue jahr. doch was ist neu? wenn man zuviel getrunken hat, wacht man morgens immer noch mit einem kater auf. der erste tag besteht hauptsächlich aus einer viel zu langen zugfahrt, nicht mal die länge der verspätung ist mit 120 minuten neu. sogar alle, die einem ohne unterbrechung ein “frohes neues” wünschen, kennt man schon lange. beim blick in den kühlschrank fällt auf, dass die gesunden lebensmittel doch nicht von selbst dort reingewandert sind. der schlaf in der ersten richtigen nacht bleibt zu kurz; der wecker kennt kein datum, nur uhrzeiten. die bahnfahrt dauert immer noch 11 oder 13 minuten. zumindest der job erscheint nach einer woche abwesenheit für ein paar momente noch ein wenig absurder als sonst. schon nach 12 mal tippen gewöhnt man sich an die neue zahl im datum. frau b. ist immer noch die langsamste kassiererin der welt.
ich habe noch keinen kalender für 2012.
doch wir werden immer bus fahren, das weißt du, das wissen wir.
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weihnachtsmärkte. jedes jahr denke ich, es muss nicht sein. man trifft sich ungefähr mit jedem, den man kennt, mal auf dem weihnachtsmarkt. und jedes jahr verbringe ich viel mehr abende als ich dachte auf weihnachtsmärkten. immerhin stest eine gute ausrede, um keine überstunden zu machen oder nicht zum sport zu gehen. aber darum soll es hier nicht gehen.
aber worum geht es eigentlich? wir reden darüber, wie wir weihnachten und silvester verbringen. über omas, die zu viel kuchen backen werden, eltern, die in pension gehen, und brüder, die weit weg ziehen. das letzte wochenende und unsere highlights seit dem letzten sommer. kuba, new york – rügen, ok, ich verliere.
es ist noch nicht spät. aber schließlich müssen wir morgen alle wieder raus in unsere jobs, mit denen wir – wie wir uns gerade noch erzählt haben – nur so mittel zufrieden sind. “vergiss die becher nicht, du hattest die erste runde, es ist dein pfand.” wir machen noch schnell den nächsten termin für april aus. was sind schon vier monate, wenn man sich knapp zwei jahrzehnte kennt.
und wie viel pfand würden wir eigentlich für unsere freundschaft hinterlegen?
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wir schreiben uns emails mit geschenkideen hin und her. dabei betonen wir, wie unwichtig dieser geschenkestress ist. ich schreibe meiner schwester, welche bücher mein bruder sich wünscht, und meinem bruder, dass ich die cd und die handytasche für meine schwester besorge. nebenbei erwähne ich, mit welchem unwichtigen zeug sie mir eine freude machen könnten. das geschenk für mama steht, nach dem hemd für papa gucke ich nächste woche, verspreche ich.
an heiligabend werden wir die sachen auspacken und uns freuen oder nicht, aber trotzdem noch liebhaben. vorher wurde wie immer die nussknacker-geschichte vorgelesen (das sind alte handschriftliche notizen auf ausgerissenen kalenderblättern, jahrzehnte alt, die geschichte darüber, wie irgendwer die anderen geschwister mit einem nussknacker attackiert hat, aus verschiedenen erzählperspektiven) und wir sind froh, dass noch genug wein, schnaps und bier da ist.
auf meinem wunschzettel würde nicht viel mehr stehen, als dass wir das noch viele jahre so machen und alle noch da sind.
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immer wenn ich denke, dass ich an einem samstag mal genug zeit hätte, um den halben tag ohne schlechtes gewissen dumm rumzustehen, raffe ich mich auf und beschließe mein leergut wegzubringen. in meinem rewe gibt es zwei pfandautomaten, von denen immer mindestens einer außer betrieb ist. die schlange fängt quasi bereits in der eingangstür an. vor einem flaschensammler oder großfamilien mit 2 bis 12 ikeataschen, die jeweils einen gegenwert von 46,75 euro beinhalten. junge paare, die sich nach jeder eingeworfenen flasche minutenlang verliebte blicke zuwerfen, alte paare, die diskutieren, ob sie die zwiebeln aus rücksicht auf renate nicht lieber aus dem auflauf rauslassen sollten, und dabei vergessen, die flaschen weiter einzuwerfen. motivierte jungväter, die ihre kleinen kinder hochhalten, weil die so viel spaß am automaten haben; ups, flasche runtergefallen, macht nichts, wir haben zeit. aber am allerschlimmsten sind die mitansteher, die ihre getränkekisten alle paar zentimeter mit dem fuß über den boden schleifen; ich kenne nur weniges, das ich schlimmer finde als dieses geräusch, und nichts davon möchte ich hier erwähnen. wenn man endlich selbst vorne angekommen ist, ist der behälter für die einwegflaschen voll, der automat erkennt aus prinzip nur jede dritte flasche und die ältere dame hinter einem räuspert sich schon nach der neunzehnten einzelnen bierflasche auffällig laut.
heute waren beide automaten in betrieb, ich musste nicht anstehen, die flascheneingabe klappte ohne probleme. das ist so bemerkenswert, dass ich dachte, ich muss es aufschreiben. und ich habe sogar daran gedacht, den leergutbon an der kasse abzugeben.
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eine bekannte erzählte vor ein paar jahren mal von diesem bohnen-tipp gegen novemberdepressionen. (leider vergaß ich zu fragen, ob es im november sein muss oder auch jahreszeitenunabhängig funktioniert. und ob es auch mit erbsen geht.)
man steckt sich morgens 11 bohnen – vielleicht waren es auch 13 – in die linke hosentasche. jedes mal am tag, wenn einem was positives widerfährt, steckt man eine bohne von der linken in die rechte hosentasche. abends freut man sich dann beim zählen der bohnen aus der rechten hostentasche über die vielen kleinen glücksmomente: die bahn, die pünktlich kommt oder ein nettes lob oder ein freundliches lächeln von unbekannten oder dass man gerade eine günstige grünphase erwischt oder beim sortieren der wäsche 5 euro in der jackentasche findet. all sowas halt.
ich habe es aber nie ausprobiert. hauptsächlich aus angst, abends alle bohnen wieder aus der linken hosentasche zu holen. und weil ich nicht ausschließen kann, in stressigen situationen links und rechts dann doch mal zu verwechseln.
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“weißt du noch, damals an diesen freien tagen, als alles sonnig, schön und unbeschwert war und der alltag ganz weit weg?” “das ist nicht mal zwei wochen her.” “oh.”
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“hallo. wie geht’s? und, wie läuft’s bei euch so?”
“hm, ja, so mittel.” wieso ich übrigens auch nur so mittel in small talk bin.
“ich kann dir den spot doch erst morgen schicken. du weißt ja wie das ist.”
“ja ja. das wird dann aber morgen noch ganz schön knapp.”
“ja, so ist das doch immer. aber das schöne ist doch, in unserer branche sieht man dann ergebnisse.”
wie bitte, sag mal, werbe-trulla, aber sonst geht’s? was denn für ergebnisse? noch ein völlig hirnbefreiter 30-sekünder in der werbeblockflut zur prime time? eine weitere überflüssige website, die in 2 tagen nicht mehr aktuell ist?
ärzte sehen ergebnisse, z.b. patient tot, oder glückliche gesichter. frisöre sehen ergebnisse, z.b. einen haufen von haarspitzen auf dem fußboden. hausfrauen sehen ergebnisse, z.b. einen korb voll frischer bügelwäsche oder satte kinder. lehrer sehen ergebnisse, z.b. zensurenspiegel oder blöde sprüche an der tafel.
sogar amerikanische wissenschaftler fanden heraus…
“… bist du noch dran?”
“äh, wie auch immer, schick’s dann morgen einfach rüber, wenn es fertig ist.”
um 20 uhr wünscht sie mir dann noch “einen schönen und hoffentlich baldigen feierabend”. tolles ergebnis.
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heute ist hannahs 10. geburtstag. das war alles ganz aufregend damals, sie war das erste baby in unserem abijahrgang, ihre mutter war eine gute freundin, die geburt war wohl nicht ganz unkompliziert. es war immer positives, was man in den jahren danach über das mädchen gehört hat; es sei klug, fröhlich und aufgeschlossen.
auf facebook hat ihre mama heute ein bild von einer strahlenden hannah mit einer e-gitarre und der überschrift “10th Birthday!” gepostet. einer der kommentare darunter fragt “heute???” ich möchte nicht wissen, wie oft das kleine mädchen selbst das wohl in ihrem leben noch gefragt wird. wieso nicht heute? bestimmt gibt es viele menschen, die heute ihren 10-jährigen geburtstag, hochzeitstag oder andere freudige oder auch traurige ereignisse haben. ganz eigene, persönliche, ohne auswirkungen auf die weltgeschichte oder gedanken daran.
natürlich weiß ich ihren geburtstag wahrscheinlich nur auf anhieb auswendig, weil er genau an diesem tag war. aber woran ich mich an diesem tag vor 10 jahren zwischen all an den verstörenden fernsehbildern und der allgemeinen verwirrung dennoch am intensivsten erinnern kann, bleibt der anruf “hannah ist auf der welt, es geht beiden gut.” und wir haben uns gefreut.
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irgendwo sitzt gerade eine 97-jährige frau und trauert um den letzten ihrer drei söhne, der heute gestorben ist. der jüngste starb schon vor langer zeit bei einem unfall, der älteste vor wenigen jahren. und heute, auch diesmal viel zu früh, hat sie das letzte ihrer kinder überlebt. das ist nicht die richtige reihenfolge. man kann nicht nachempfinden, was gerade in ihr vorgeht. nach fast 100 jahren beginnt sie zum ersten mal in ihrem leben an gott zu zweifeln.
vier unbeantwortete anrufe auf meinem handy. das macht mich stutzig. einmal ist ok, dann hat sie bloß wieder daneben getippt, als sie ihre mama anrufen wollte. stehe in ihren alphabetischen kontakten genau über mama. der tag ist zu stressig und ich bin zu genervt, rege mich über vermeintlich schlimme dinge auf. bin nicht in der stimmung, um mit einer meiner besten freundinnen zu telefonieren. erst auf dem nachhauseweg fällt es mir wieder ein. mal anrufen, muss ja was wichtiges sein. bin mir noch nicht sicher, ob es die neue traumwohnung ist oder doch die ersehnte schwangerschaft.
“mein papa ist heute gestorben.” stille. auch wenn es erst eine stunde her ist, ich weiß nicht mehr was ich dann gesagt habe. wir reden ein wenig über wann, wie, alles und nichts. dass er nicht lange leiden musste, dass sie einen engen kontakt und immer ein gutes verhältnis zu ihm hatte, dass er ein super typ war – egal was ich jetzt sagen würde und sage, es ist scheiße. alles fühlt sich falsch an, ich fühle mich noch schlechter in gefühlen als sonst. und wir unterhalten uns über organisatorisches wie beerdigungen und todesanzeigen. ich wünsche ihr, ihrer mutter und ihrer 97-jährigen oma aufrichtig alles gute und viel kraft.
und plötzlich sitzt man da und all die andere scheiße ist unwichtig. es tut weh. was bleibt ist schock, schmerz, tausende gedanken, leere. stille.
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